Seiten

Freitag, 15. September 2017

Reizwortgeschichten



Liebe Leserinnen, liebe Leser, liebe Blogfreunde,

vor zwei bis drei Wochen suchte hier in der Nähe ein Bauer seine fünf Ziegen, die getürmt waren. Ein Tag später war der Transport zum Schlachthof vorgesehen.  Ob die Ziegen das gespürt haben. Das inspirierte mich zu meiner heutigen Geschichte. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen.

Die heutigen Reizwörter sind

Herbstzeitlose - Krabbenkutter - zählen - wälzen - ernsthaft.


Schaut, was meinen lieben Kolleginnen dazu eingefallen ist.


Reginas  Geschichte




Die Flucht

War da nicht der Schrei eines Fuchses am Waldrand? Ziege Stikkelhaar Zickelzack hielt mit dem Knabbern des leckeren Kräutleins inne.
Fünf schneeweiße Zicklein genossen auf der eingezäunten, steilen Weide, umgeben von einem dichten Kiefernwald, die neuen, zarten Kräuter.  Auf der kurz geschorenen Wiese wuchsen verstreut die ersten lila  Herbstzeitlosen. Sie kündigten den nahenden Herbst an. Stikkelhaar Zickelzack schaute hinüber zum Drahtzaun und erblickte den Fuchs Wuschel Flitzeschlau, der aufgeregt am Waldrand hin und her lief.

"Mädels", rief sie, "da oben am Wald ist Wuschel Flitzeschlau."

"Er ist total hippelig, kommt, wir laufen zu ihm!"

Stikkelhaar Zickelzack spürte, etwas Schlimmes war passiert.
Außer Atem erreichten die fünf Zicklein den Zaun am Waldrand, hinter dem der Fuchs saß.

"Was ist denn los,  Wuschel Flitzeschlau?", fragte Stikkelhaar Zickelzack besorgt.

"Mädels, morgen kommt der Tiertransporter vom Schlachthof und holt euch ab."

"Er, er, ernsthaft", stotterte Stikkelhaar Zickelzack, "wo, "wo, wo ....her wei, wei, weißt du das?"
Sie begann zu stottern, wenn sie aufgeregt war.

"Auf der Suche nach Fressbaren schlich ich heute früh auf dem Bauernhof herum und belauschte dabei eueren Bauern beim Telefonieren."

Stikkelhaar Zickelzack begann sich der Magen herumzudrehen. Schwindelig wurde ihr. Befand sie sich auf einem Krabbenkutter mit starken Seegang? Eine schreckliche Erinnerung  versetzte sie in diesen Zustand.  Der Tiertransporter vor einem Jahr nahm ihr den Bruder. Das Gebrüll der Geißböckchen und der kleinen Stiere vergaß sie nie.  Stikkelhaar Zickelzack schaute hilflos zu, wie die jungen ängstlichen Tiere brutal in dem Tiertransporter landeten. Dann fuhr der langsam vom Hof. Stikkelhaar Zickelzack stand wie gelähmt und schaute ihrem kleinen Bruder hinterher. Sein kleines, weißes Köpfchen steckte aus der Seitenöffnung des Transporters und hilflos leise meckernd blickte er seiner Schwester traurig nach.

Schockiert von den schlimmen Geschehnissen begann von dem Tag an Stikkelhaar Zickelzack mit dem Stottern.

Starr und wie vom Blitz getroffen standen die fünf Ziegen und glotzen den Fuchs Wuschel Flitzeschlau an, als wäre der irre.
Stikkelhaar Zickelzack zitterte wie Espenlaub, so fertig machte sie diese Nachricht.

"Wa wa  was, machen wir jetzt?", fragte sie schlotternd den Fuchs.

Der Fuchs kratzte sein Ohr und streckte sich lang.

"Mädels, regt euch nicht auf", beschwichtige er die Ziegen.
"Wenn ihr mir vertraut", antwortete Wuschel Flitzeschlau, "wüsste ich eine Lösung."

"Konnte man diesem Schlawiner, der den Hühnerstall beim Bauern nicht in Ruhe ließ, trauen", dachte Stikkelhaar Zickelzack, "was blieb ihnen anderes übrig?"

"Gut, gut, wa  wa was tun wir jetzt?", fragte Stikkelhaar Zickelzack.
Sie war gespannt, was der Fuchs sich ausdachte.

"Ihr bleibt verstreut auf der unteren Weide, damit der Bauer nicht auf die Idee kommt euch einzusperren, habt ihr verstanden"?

"Ja!",  die fünf Zicklein nickten.

"Ich grabe da drüben unter dem Zaun ein Loch", erklärte er aufgeregt, "das dauert bestimmt bis es dunkel wird."
"Wenn ich pfeife,  kommt ihr blitzschnell herbei und kriecht durch das Loch".

Ungläubig schauten sich die Ziegen an.

"Wenn ihr mir nicht vertrauen wollt", erwiderte Wuschel Flitzeschlau spitz, "könnt ihr euch morgen Mittag zum Schlachthof abholen lassen."

"Nei, nei, nein", beschwichtigte Stikkelhaar Zickelzack den Fuchs, "wir vertrauen dir."

Leichte Nebelschwaden zogen über die Wiese. Langsam neigte sich der Tag. Mücken tanzten im Schein der untergehenden Sonne.

Stikkelhaar Zickelzack beobachtete den Fuchs wie er schuftete und hinter seinem Hinterteil die Erde durch die Gegend flog. Ein schriller Pfiff, das war das Zeichen. Er wälzte die Erde weg. Endlich war er mit dem Buddeln fertig.

Aufgeregt sprangen die fünf Ziegen zu dem Loch und krochen einzeln unter dem Zaun durch. Wuschel Flitzeschlau hatte gute Arbeit geleistet.
 Erwartungsvoll schaute Stikkelhaar Zickelzack den Fuchs an.

"U u und jetzt?"

"Marschieren!"

Der Fuchs Wuschel Flitzeschlau lief vorneweg und die fünf Ziegen im Gleichschritt hinterher. So tippelten sie  Nacht für Nacht. Tagsüber versteckten sich die Ziegen im Wald, während der Fuchs auf Achse ging, um zu erfahren, ob der Bauer seine Ziegen suchte.

"Wie wie wei  wei weit ist es noch?", fragte in der fünften Nacht Stikkelhaar Zickelzack stotternd .

"I i ich kann bald nicht mehr. Mei mei meine  Füße tun so weh. Den anderen geht es genauso", jammerte die Ziege mit schmerzverzogenem Gesicht.

"Der Bauer sucht euch über die Medien, im Internet war sogar ein Foto.  Er gibt nicht auf. Er will das Geld für seine Ziegen. Immer noch  droht euch der Schlachthof."

Stikkelhaar Zickelzack seufzte.
Was hatte der Fuchs mit ihnen vor?
Die Ziege setzte sich in Bewegung.
"Ko ko kommt weiter."

Im Osten ging die Sonne auf. Der kühle Nieselregen ließ langsam nach. Der Fuchs schüttelte sich. Aus seinem Fell spritzte das Wasser. Mit dem angeklatschten Fell sahen die Ziegen dürr und jämmerlich aus.

"Ruhen wir uns heute nicht nach Anbruch des Tages aus?", fragte Stikkelhaar Zickelzack.

"Nein, weiter geht es."

Der Fuchs blinzelte in die Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne und hintereinander  marschierten sie ins Tal.
Stikkelhaar Zickelzack hörte das helle Bimmeln von Glocken. Grasten da Kühe oder Schafe?
Hinter dem Busch knabberten drei Ziegen die grünen Himbeerbüsche ratzeputz weg. Als sie den Fuchs und die fünf Ziegen erspähten, glotzen sie die wie ein Weltwunder an und hielten mit dem Fressen inne.

"Kommt, kommt", mahnte Wuschel Flitzeschlau und lief weiter.

Stikkelhaar Zickelzack blickte sich um, Ziegen mit Glöckchen fraßen einen verfilzten Grasbüschel gründlich kahl.

Sie durchquerten das Unterholz eines kleinen Espenwäldchen und erreichten einen Waldparkplatz. Dort stand ein großer, weißer Transporter mit einem Tieranhänger.

Johannes wärmte eine Dose mit Würstchen in seiner kleinen Bordküche auf. Noch eine Scheibe Bauernbrot dazu. Das war heute früh sein Frühstück. Herzhaft biss er in seine heiße Bockwurst.  Er scrollte  die neuesten Meldungen auf seinem Handy durch.

"Kruzifix", dachte er und kratzte sich am Kopf. Sein Blick fiel durch die Windschutzscheibe auf einen Fuchs mit Ziegen im Schlepptau. Er zählte fünf Stück.

Das sind die fünf gesuchten Ziegen aus dem Internet, die einem Bauer abhanden gekommen waren.  Sie flüchteten bevor der Abtransport der Ziegen zum Schlachthof am kommenden Tag passierte.

Johannes putzte sich noch kauend mit einer Serviette den Mund ab, räumte das Frühstücksgeschirr in die Bordküche und stieg aus seinem Transporter.
Langsam bewegte er sich auf den Fuchs und die Ziegen zu. Nicht scheu blickten ihn das Trüppchen erwartungsvoll an.

"Was seid ihr denn für ein Haufen", dachte er, "das kann kein Zufall sein?"
Er konnt für sein Projekt der "Landschaftspflege" noch weitere fünf Ziegen gut gebrauchen.

"Wartet mal", rief er den Tieren zu.

Johannes scrollte die Seiten auf seinem Handy hinunter.
Da war die Telefonnummer von dem Bauern, den er sofort erreichte. Für den Schlachtpreis kaufte er ihm innerhalb weniger Minuten die fünf Ziegen ab.

Der junge Mann lächelte das seltsame Trüppchen an.

"Ihr gehört jetzt mir. Keine von euch muss Angst vor dem Schlachthof haben, ."
Liebevoll kraulte er jede einzelne Ziege unter dem Kinn und drückte sie.

"Herzlich willkommen!"

Stikkelhaar Zickelzack war mit einem Mal klar, der schlaue Fuchs hatte sie zu dem Landschaftspfleger geführt, in der Hoffnung, dass der sie in seine Herde aufnahm.

"Danke Wuschel Flitzeschlau, das hast du gut gemacht", bedankte sich die kleine Ziege Stikkelhaar Zickelzack und gab dem Fuchs einen dicken Kuss auf die Nase.

"Du hast nicht mehr gestottert", bemerkte Wuschel Flitzeschlau lächelnd und verschwand schnell im Espenwäldchen.

Copyright Eva V. 2017

Foto flickr Ralph Berthold